Frankfurt in Wien
Der architekturhistorische Ursprung der Sonderschule Floridsdorf ist die Reformpädagogik der zwanziger Jahre und die vom "Neuen Frankfurt" konzipierte Freiflächenschule.

Ein Beitrag der ÖGFA von Maja Lorbek und Gerhild Stosch

Erst 1961 konnte Schütte sein Konzept endlich in die Realität - in Wien Floridsdorf - umsetzen. "Die Realisierung einer ganzen Schule dieses Typs war durch den Krieg und andere Umstände verzögert. Auch schien mir - nach Besuch vieler neuer Schulen der dreißiger Jahre und der Nachkriegszeit - die Frage der Gleichmäßigkeit der Belichtung der Klassen noch eine Untersuchung zu erfordern. (...) Im Jahr 1961 konnte ich dann bei der Sonderschule Wien-Floridsdorf Klassen eines solchen neuen Typs verwirklichen. (...) Während die neuen Schulen mit doppelseitiger Belichtung meist sehr weitschweifig sind, weil sie nur eingeschoßig angelegt werden können, war es mit der in Floridsdorf angewandten Lösung möglich, die Schule im Stockwerksbau zu errichten, das heißt in konzentrierter und wirtschaftlicher Form (zwölf Klassen, Turnsaal, Werkstatt, Handarbeitsraum, Naturlehreklasse, rund 11.500 Kubikmeter und 860.000 Schilling pro Klasse." (aus: Wilhelm Schütte: Sonderschule Wien 1961, in Schul- und Sportstättenbau, Nummer 1/1966, S. 30)

In der Sonderschule Floridsdorf sind alle Elemente, die so lange theoretisch und experimentell vorbereitet wurden, realisiert. Die Schulklassen, auch im Obergeschoß, sind beidseitig belichtet, eine Seite direkt über die Außenwand. Hier wird die Lichteinstrahlung durch die auskragende Loggiaplatte gemildert. Die andere Klassenzimmerseite wird über das Fensterband in der Gangaußenwand und die verglaste Gangtrennwand indirekt gemildert belichtet. Alle Tische im Klassenzimmer haben das gleiche Belichtungsniveau, das Prinzip der Gleichheit (aller Lernenden und Lehrenden) wird auch durch den quadratischen Grundriss der Klassenzimmer betont. Durch die Faltwand, die man zur Seite schieben kann, wird das Klassenzimmer zur "Freiluftklasse".

Die Tatsache, dass diese Schule als verspätetes, 1961 realisiertes Beispiel des "Neuen Frankfurt" in Wien errichtet wurde, muss durchaus kritisch angesehen werden. Das Experiment außerhalb des gesellschaftlichen Umfeldes des Neuen Bauens und ohne engagierte reformpädagogen scheiterte.

Die Schule wurde als zwölfzügige Schule konzipiert. Durch Integration ging die Anzahl der Schüler zurück. Gegenwärtig gibt es nur vier Klassen. Zwei weitere Klassen werden durch das Pädagogische Institut der Stadt Wien für Erwachsenenbildung genutzt.
Wegen verwitterter Holzfenster, schadhafter Beschlagstechnik und gemindertem Nutzerkomforts durch große Abstrahlungsflächen bei den Faltwänden sind seit 1989 Teilsanierungen durch Magistratsabteilungen der Stadt Wien durchgeführt worden. Das ursprüngliche Erscheinungsbild und das Konzept der Schule wurden dabei stark verändert. Die Faltwände existieren nicht mehr, die Freiluftklassen sind zu Klassen mit Ausgang ins Freie modifiziert worden. 

Die jetzige Lehrerinnengeneration nutzt den Freiraum und die Terrassen vor den Klassen eher selten. "Früher schon, aber da waren die Schüler nicht so schwierig", so eine der Lehrerinnen. Als störend werden auch die Passanten am Weg entlang des Klassentraktes sowie der dreigeschoßige Neubau des Geriatrischen Zentrums Floridsdorf, das im Jahre 2000 angrenzend errichtet wurde, empfunden.

Dieser Text basiert auf einem Forschungsprojekt, das im Rahmen der Programmlinie "Haus der Zukunft", finanziert von BMVIT, durchgeführt wurde. In der Studie "Architekturhistorisch differenzierte, energetische Sanierung" wurde für die Sonderschule Floridsdorf ein alternatives Sanierungskonzept entwickelt. Eine Projektbeschreibung kann auf der Homepage der Programmlinie abegrufen werden: www.hausderzukunft.at

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